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Zum Stand der sozialwissenschaftlichen Geographie 40 Jahre nach Kiel

Donnerstag, den 11. Februar 2010 um 12:36 Uhr

Theorie, Kritik und Relevanz in der deutschsprachigen sozialwissenschaftlichen Geographie 40 Jahre nach Kiel, mit einigen bescheidenen Vorschlägen letztgenannte im Arbeitsalltag als gesellschaftliche zu füllen. Mit der Bitte um Diskussion über die Kommentarfunktion.


abgedruckt in: Rundbrief Geographie 221, November 2009, S. 18-20; Seitenumbrüche der Druckversion im Manuskript als **//** gekennzeichnet

Überarbeitetes Statement in der Podiumsdiskussion: „Zum Stand der sozialwissenschaftlichen Geographie 40 Jahre nach Kiel“ im Rahmen der Sitzung des AK Geographie und Gesellschaftstheorie beim Deutschen Geographentag in Wien am 23.09.2009, organisiert und geleitet von Susanne Heeg und Roland Lippuner.

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Obgleich erst drei Jahre nach „Kiel“ geboren, erlaube ich mir eine Einschätzung zum Stand der deutschsprachigen sozialwissenschaftlichen Geographie 40 Jahre danach – nicht nur, weil ich freundlicherweise von der Sitzungsleitung dazu eingeladen wurde, sondern auch, weil ich zusammen mit den Kollegen Ulrich Best, Thomas Bürk, Dirk Gebhardt und Matthias Naumann seit einigen Jahren nach den weitgehend vergessenen Spuren des „linken Kiel“ und seiner Folgen fahnde, worauf im Folgenden zurückzukommen ist.

Die studentischen Forderungen, die in Kiel 1969 für Furore sorgten, kreisten um die Begriffe Theorie, Relevanz und Kritik (vgl. das Sonderheft des Geografiker 1969). In ihnen waren bereits zwei Varianten ihrer inhaltlichen Füllung angelegt, eine modernisierende und eine linke.

Durchgesetzt hat sich die Lesart der Modernisierer_innen. Theorie wurde hier in der Form von Methodologie und, in geringerem Umfang, Wissenschaftstheorie rezipiert, Relevanz auf die Anwendbarkeit geographischer Forschung in (staatlicher) Planung bezogen und die Kritik arbeitete sich primär an der traditionellen Landschafsgeographie ab. Dieses Verständnis von Kritik brachte der deutschsprachigen Geographie ausgefeilte (und zur Selbstbespiegelung neigende) Auseinandersetzungen mit den Altvorderen. Diese Verständnisse von Theorie und Relevanz brachten diverse, mehr oder weniger theoriegeleitete Versuche hervor, angewandt geographisch zu arbeiten.

Anders wurden die Begriffe in der zweiten Lesart gefüllt, in derjenigen der Linken Kritiker_innen. Ihre Positionen arbeiteten sie (wenig systematisch) seit den späten 1960er und im Verlauf der 1970er Jahre in studentischen Zeitschriften wie Geografiker, Roter Globus und Geographie in Ausbildung und Planung sowie in Buchreihen wie Geographische Hochschulmanuskripte und in manchen Bänden von Urbs et Regio aus. Sie füllten die o.g. Begriffe deutlich anders: Theorie wurde hier verstanden als Gesellschaftstheorie, Kritik als Gesellschaftskritik und Relevanz als gesellschaftliche Relevanz, d.h. nicht nur als staatstragende. Das Schisma der beiden in Kiel durch den gemeinsamen Feind noch vereinten Richtungen ließ nicht lange auf sich warten; ihr jeweiliger Einfluss auf die Disziplin ist bekannt. Während die Modernisierer_innen das Fach lange Zeit prägten, wurden die Linken Kritiker_innen ignoriert und sind weitgehend in Vergessenheit geraten.

Die Kritik an dem, was aus der sozialwissenschaftlichen Geographie der Modernisierer_innen geworden war brachte beginnend bereits in den 1980er Jahren eine Öffnung für den Import unterschiedlicher Gesellschafts- und Kulturtheorien, die Teile der deutschsprachigen Geographie seit den 1990er Jahren zu einem lebendigen und auch jenseits der Disziplin wahrgenommenen Diskussionszusammenhang gemacht haben. Das Label, unter dem dies zu einem guten Teil geschieht – „Neue Kulturgeographie“ – ist einerseits unglücklich, da „Kultur“ als Explanans hier ja gerade kritisiert wird und „kulturelle“ Praktiken als soziale diskutiert werden; andererseits ist es als Label und zur Markierung einer Differenz durchgesetzt und erfüllt im Fach seine Funktion. Die Gemeinsamkeit der unter ihm gefassten Richtungen scheint mir darin zu liegen, dass Kategorien und Begriffe hinterfragt, ihr Zustandekommen in Konflikten und Kämpfen und ihre Leistungen bei deren Regulierung mittels Ein- und Ausschlüssen untersucht wer 18//19 den. Weder sind alle Arbeiten der Neuen Kulturgeographie mit dieser Charakterisierung gefasst, noch ist jenen, die dieses Label für sich ablehnen, abzusprechen das Skizzierte zu tun. Entscheidend ist an dieser Stelle keine genaue Bestimmung von Neuer Kulturgeographie, sondern der Hinweis darauf, dass in ihrem Kontext die Möglichkeit zum produktiven Austausch auch über Themen-, Theorie- und Schulgrenzen hinweg geschaffen wurde, ohne dabei die verbleibenden Differenzen zu negieren.

So sehr ich die Öffnung der sozialwissenschaftlichen Geographie durch die Neue Kulturgeographie begrüße und an ihr teilhabe, so nehme ich die Situation 40 Jahre nach Kiel und bezogen auf die damaligen Forderungen – vereinfacht und vielleicht auch polemisch zugespitzt – doch folgendermaßen wahr: Kritik beschränkt sich auf die Kritik anderer Geograph_innen (v.a. als reifizierend) oder öffentlicher Debatten (ohne jedoch in diese intervenieren zu wollen); an Theorie ist fast alles willkommen, was hierbei als nützlich, einigermaßen anspruchvoll und möglichst neu erscheint – und sei es auch nur innerhalb der deutschsprachigen Geographie; Relevanz schließlich ist sowohl bezogen auf staatliche Planung als auch in einem auch nur irgendwie auf die gesellschaftlichen Verhältnisse bezogenen Sinn als Kriterium der Forschung weitgehend irrelevant geworden. Im Alltag von Hochschulgeograph_innen reduziert sie sich stattdessen insbesondere für die Generation derer, die von einem Zeitvertrag zum nächsten hecheln, auf Drittmittel-, Evaluierungs- und sonstige CV-Relevanz. Michael Krätke (2007: 90) betont diesbezüglich am Beispiel der – weiter gediehenen – Entwicklung in den Niederlanden, dass Kritik im Sinne der Linken Kritiker_innen in einer solchen Umgebung nicht einmal mehr unterdrückt werden muss: „Der permanente Zwang zur Effizienzsteigerung und Qualitätskontrolle reicht völlig aus, um kritische, heterodoxe, abweichende Positionen unter Druck zu setzten und an den Rand zu drängen“.

Angesichts des wachsenden Widerstandes gegen den Evaluierungswahn an den Universitäten (oftmals gegen deren Leitungen) und die Prekarisierung akademischer Arbeit, die als Erpressungsverhältnis evaluierungskonforme Leistungserbringung garantieren soll, angesichts auch der zumindest zwischenzeitigen Diskreditierung der beidem zugrundeliegenden neoliberalen Logik der ungezügelten Ökonomisierung der Gesellschaft, schließlich mit Rückgriff auf Manches, das bereits die o.g., weitgehend vergessenen Linken Kritiker_innen diskutiert haben und das in der angloamerikanischen Geographie seit 40 Jahren diskutiert wird (immerhin koinzidiert „Kiel“ mit der Gründung von Antipode – bei fundamental diametralen Wirkungsgeschichten!), ist es vielleicht an der Zeit, eine Debatte um die gesellschaftliche Relevanz der Tätigkeit von Hochschulgeograph_innen jenseits der Evaluierungsrelevanz anzugehen – oder eben wiederaufzunehmen. Hierzu möchte ich einige bescheidene Vorschläge für gemeinsame ebenso wie für individuelle Praxis formulieren, die vor allem darauf abzielen sollen, bei Kritik, Theorie und Relevanz das Präfix Gesellschafts- zu betonen und sichtbar zu machen.

Themenwahl: Es war, glaube ich, Noam Chomsky, der uns auffordert, die Zeitungslektüre mit dem Wirtschaftsteil zu beginnen. Ich würde den Politikteil hinzunehmen. Nichts gegen Feuilleton, Sport- und Reiseteil! Geographische und sozialwissenschaftliche Arbeiten über dort verhandelte Themen liefern immer wieder angenehme und u.U. erbauliche Lektüre. Aber wie relevant sind sie angesichts der großen Themen unserer Zeit?1 Und warum werden die ausgefeilten, unter dem Label Neue Kulturgeographie gefassten Theorien so auffällig selten auf sie angewandt? Warum haben deutschsprachige Geograph_innen zur aktuellen Krise auch ein Jahr nach der Lehman Brothers-Pleite so wenig zu sagen? Warum äußerten sie sich nicht zum Irakkrieg oder zu Truppen, die am Hindukusch deutschen Interessen verteidigen? Warum kaum zu Armut und so gut wie nie zu Reichtum hierzulande? Damit soll nicht behauptet werden, dass es evident sei, welche Themen gesellschaftsrelevant sind und welche nicht, sondern dass eine Reflektion dessen und eine Debatte über eben diese Frage nottut. Auch soll dies keine Aufforderung sein, als Wissenschaftler_in wie Politiker_innen parteiisch oder wie Moralist_innen wertend daherzureden, sondern sich dessen bewusst zu sein, dass man in den meisten Fällen selbst entscheiden, welche Gegenstände und Verhältnisse man auf ihre Kategorien und Begriffe sowie auf deren Zustandekommen, Tauglichkeit oder ideologische Leistungen hin befragt.

Kooperation: Um sich als Wissenschaftler_in zu relevanten Themen äußern zu können, ist Kooperation untereinander eine zentrale Voraussetzung. Nur so können kritische Debatten (u.a. über Gesellschaftsrelevanz) überhaupt stattfinden, die nicht dem Wissenschaftler_innenideal vom individuellen Genie in blasierter Einsamkeit verfallen sondern die Gesellschaftlichkeit jeder Wissensproduktion anerkennen, mithin „den geschichtlichen Charakter des wahrgenommenen Gegenstands und den geschichtlichen Charakter des wahrnehmenden Organs“ 19//20 (Horkheimer 1988: 174). Auch wenn in Zeiten der Exzellenz Kooperation untereinander nur noch in instrumenteller Hinsicht, als Mittel in der Konkurrenz mit wiederum anderen um Gelder und Anerkennung vorzukommen scheint, hindert uns niemand daran, trotzdem Inhalte zu diskutieren. Hierzu Gelegenheiten für Geograph_innen aller Qualifizierungsstufen zu organisieren – Kolloquien, Lehrveranstaltungen, Workshops, Forschungswerkstätten –, die nicht nur als Schaulaufen des Nachwuchses und/oder zur Vorbereitung einer weiteren Publikation dienen, gehört dann zu den vornehmsten Aufgaben von Hochschulgeograph_innen.

Praxisbezug: Muss Praxisbezug eigentlich immer heißen, sich Industrie- und Handelskammern, Verkehrsbetrieben, Ministerien, Planungsverbänden und Unternehmen etc. anzudienen? Was ist mit der Praxis sozialer Bewegungen oder derer von Gewerkschaften? Dabei geht es mir nicht um einen action research Imperativ, den es in der angloamerikanischen Geographie mitunter zu beobachten gibt, Anbindung an soziale Bewegungen ist natürlich kein Ausschlusskriterium für theoretische, relevante und kritische Forschung. Von Marx oder Foucault sind nicht ihr Engagement im Arbeiterbildungsverein oder in der Groupe d´information sur les prisons geblieben, sondern ihre theoretischen und durch und durch kritischen Schriften. Beide aber hätten diese so nicht geschrieben, hätten sie anstelle dieser Kooperationen Gutachten für den Industriellenverband oder das Innenministerium verfasst.

Lehre: Wo soll das, was wir zu sagen haben, relevant werden, wenn nicht hier? Nirgendwo lässt sich ein Bezug zu gesellschaftlichen Verhältnissen besser herstellen als in der Lehre, sowohl durch die Form als auch beim Inhalt und insbesondere mittels Themenwahl. Studierende, die sich in Referaten, Projekt- und Hausarbeiten etwa mit erfolgreichen Widerstandsbewegungen gegen Wohnraumprivatisierung, Homophobie, dem Migrationsregime der EU oder dem Sicherheitsempfinden von Seniorinnen befassen (müssen), kommen fast schon unweigerlich darauf, dass diese Themen eine Gesellschaftsrelevanz haben und das Hinterfragen der in ihnen gängigen Kategorien und die Erklärung ihres gesellschaftlichen Zustandekommens kritische Wissenschaft sind. Nach meiner Erfahrung ist dieser letzte Schritt bei derartigen Themen weit naheliegender als bei jenen aus Feuilleton und Reiseteil (die man natürlich auch kritisch angehen kann, bei denen die Kritik den Bezug zur gesellschaftlichen Realität aber mitunter etwas bemüht herstellen muss).

Mit diesen Vorschlägen sollte anhand einiger weniger Bereiche aufgezeigt und zur Diskussion gestellt werden, wie für einzelne ebenso wie für Gruppen von Hochschulgeograph_innen relativ einfach gesellschaftliche Relevanz als Kriterium und Ziel des eigenen Tuns in den Arbeitsalltag eingehen könnte. Grundlage ist stets das Interesse, soziale Verhältnisse kritisch zu befragen, die Vorschläge zielen auf Wege, dieses Interesse ins Werk zu setzten. Sie sind weder vollständig noch besonders weitgehend, und viele von Ihnen werden bereits von verschiedenen Kolleg_innen sehr ernst genommen. Kritik und Theorie wurden dabei nur implizit thematisiert. Auch Status und Inhalt dieser Begriffe und Praxen können und sollten diskutiert werden (wozu m.E. diskutierbare Begriffe Voraussetzung sind, die auf sich selbst anwendbar und für in anderen Denktraditionen formulierte Argumente anschlussfähig sind).

Mein Plädoyer zum Thema „40 Jahre nach Kiel“ wäre also dieses: Gesellschaftsrelevanz, -kritik und -theorie – und zwar gerne in der Tradition der Linken Kritiker_innen aus „Kiel“, die so wenig Spuren in der deutschsprachigen Geographie hinterlassen hat und deren Geschichte es noch zu schreiben gilt. Eben dies versuchen wir zum einen im eingangs erwähnten Projekt (vgl. Belina, Best, Naumann 2009). Zum anderen gilt es die Spuren der Linken Kritiker_innen ins Gedächtnis zu rufen und zugänglich zu machen. In diesem Rahmen steht sowohl die Publikation eines Bandes mit frühen Schriften von Ulrich Eisel (2009) als auch das im Entstehen begriffene Online-Archiv Kritische Geographie (http://www.kritischegeographie.de/index.php/archiv), in dem etwa die o.g. Zeitschriften zugänglich gemacht werden.

Bernd Belina (Frankfurt a. M.)

 

Endnote

1 Auch in den US-amerikanischen Cultural Studies, der ein guter Teil der theoretischen Bezüge der Neuen Kulturgeographie entstammt, melden sich zunehmend Stimmen zu Wort, die „keine Qualifikationsarbeiten über Madonna oder die ‚Sopranos’ mehr lesen [wollen]“ (Steinfeld 2009).

 

Literatur

Belina, B.; U. Best & M. Naumann (2009): Critical geography in Germany: from exclusion to inclusion via internationalisation. Social Geography 4, S. 47-58.

Eisel, U. (2009): Landschaft und Gesellschaft. Räumliches Denken im Visier (= Raumproduktionen Bd. 5). Münster.

Geografiker (1969): Sonderheft zum 37. Deutschen Geographentag. Heft 3.

Horkheimer, M. (1988): Traditionelle und kritische Theorie. In: Gesammelte Schriften Bd. 4. Frankfurt/M., S. 162-225 [1937].

Krätke, M. (2007): Die Universität als Unternehmen auf dem Bildungsmarkt. In: Brüchert, O. & Wagner, A. (Hg.) Kritische Wissenschaft, Emanzipation und die Entwicklung der Hochschulen. Marburg, S. 83-94.

Steinfeld, T. (2009): Der bittere Sieg. Amerika debattiert über die Uni nach den „Cultural Studies“. Süddeutsche Zeitung vom 25. September, S. 11.

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